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COVID-19: Ich weiß, dass ich nichts weiß

Meine Tochter sagt mir, sie müsse in Latein ein Referat über Sokrates halten. Sofort fällt mir der berühmteste ihm zugeschriebene Satz ein: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Und aus irgendeinem Grund muss ich an COVID-19 denken. Seit über zwei Jahren beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema und halte unseren Arztartikel COVID-19 sowie die zwei Patienteninformationen COVID-19 und Impfung und Herdenimmunität tagesaktuell. Trotzdem habe ich das Gefühl, den Überblick verloren zu haben und spüre eine starke Müdigkeit, sobald über Pandemie, Impfpflicht, Infektionsschutz und Freedom Days gesprochen wird. Ich habe meine wenigen bisherigen Gewissheiten verloren und warte nur noch darauf, was als nNächstes kommt. Das Gefühl gleicht dem zu Beginn der Pandemie, das ich damals lustigerweise im Thema der Woche 2020-W16 mit dem Titel COVID-19: Wir wissen, dass wir noch nicht viel wissen beschrieben habe.

Ist es sinnvoll, gerade jetzt die Maskenpflicht in Schulen aufzuheben, aber weiterhin die Schüler*innen der Mittel- und Oberstufe mit einem Schnelltest zu testen, dessen Sensitivität wohl nicht wesentlich über 50 % liegt? Ich habe keine Ahnung. Die Kinder der Grundschulen und Unterstufen werden mittels Pooltests getestet, die wesentlich sensitiver sind. Ist so eine unterschiedliche Behandlung von jüngeren und älteren Kindern sinnvoll? Das weiß ich auch nicht, aber ich nehme es nicht an. Nach meiner nicht evidenzbasierten Einschätzung, die ich – vielleicht irrtümlich – für ein Produkt meines gesunden Menschenverstandes halte, wäre es sinnvoller, die Kinder und Jugendlichen nicht zu testen, sondern sie eine Maske tragen zu lassen. Das erscheint mir logischer, da in den Schulen sowieso keine wirkliche Kontaktpersonennachverfolgung mehr stattfindet, ein großer Teil der Kinder genesen oder geimpft ist und nicht in Quarantäne muss und, zumindest in Bayern, erst bei 50 % infizierten Kindern in einer Klasse Klassenquarantäne angeordnet wird. Aber ich bin nicht sicher, was richtig ist. Die Kinder in meinem persönlichen Umfeld möchten jedenfalls weiterhin lieber ihre Masken anbehalten. Aber das ist selbstverständlich nicht repräsentativ.

Was ist der Unterschied in der Infektionsgefahr in einer Trambahn und in der Schlange an der Supermarktkasse? Und tragen Menschen eine Maske in geschlossenen Räumen, wenn sie nicht müssen? Auch diese Fragen kann ich nicht beantworten. Die Verantwortlichen im Bundeskabinett und Bundesrat scheinen jedenfalls anzunehmen, dass die gesamte Bevölkerung sich sehnlichst einen Freedom Day wünscht. Dabei wird die Tatsache ignoriert, dass die Mehrzahl der Menschen in Deutschland laut Umfragen dafür ist, vorerst die bisherigen Infektionsschutzmaßnahmen beizubehalten.

Zur Impfpflicht gibt es sehr unterschiedliche Standpunkte. Sie soll irgendwie eingeführt werden, was auch von Marburger Bund und Deutscher Krankenhausgesellschaft gefordert wird. Über die Altersgrenze, Umsetzung und den Ablauf wird diskutiert. Ist dies der richtige Zeitpunkt für diese Diskussionen, wenn gerade offenbar Geimpfte und Genesene massenweise an COVID-19 erkranken, wenn auch mit relativ milden Verläufen? Die Impfung schützt offenbar nicht vor einer Ausbreitung der Omikron-Variante. Aber vielleicht vor zukünftigen Varianten? Wie könnte man eine Impflicht sinnvoll handhaben? Wäre eine Impfpflicht für vulnerable Personen am besten? Sie ahnen es: Ich weiß es auch nicht.

Nun sollen zum 1. Mai die Quarantänepflichten abgeschafft und die Isolation bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 nur noch 5 Tage dauern. Zuerst sollte die Isolation ganz abgeschafft werden. Patientenschützer*innen, Epidemiolog*innen und Ärzt*innen sahen diese Pläne kritisch. Mir kam das auch seltsam vor. Wie geht das jetzt weiter? Bleibt das jetzt so oder werden die Regeln gleich wieder geändert? Keine Ahnung, man wird es sehen. Wer bin ich schon, das zu beurteilen? Ich habe gelesen, dass COVID-19 zu Hirnveränderungen führt, vielleicht komme ich deswegen nicht mehr mit, seit ich vor vier Wochen COVID-19 hatte. Eben hat mir meine Tochter mitgeteilt, dass sie doch kein Referat über Sokrates halten muss, sondern über Pythagoras. Offenbar bin ich neuerdings ein bisschen suggestibel, sonst wäre aus einem Schulreferat, das nicht stattfindet, kein ganzes Thema der Woche geworden.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

 

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Meine Tochter sagt mir, sie müsse in Latein ein Referat über Sokrates halten. Sofort fällt mir der berühmteste ihm zugeschriebene Satz ein: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Und aus irgendeinem Grund muss ich an COVID-19 denken. Seit über zwei Jahren beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema und halte unseren Arztartikel COVID-19 sowie die zwei Patienteninformationen COVID-19 und Impfung und Herdenimmunität tagesaktuell. Trotzdem habe ich das Gefühl, den Überblick verloren zu haben und spüre eine starke Müdigkeit, sobald über Pandemie, Impfpflicht, Infektionsschutz und Freedom Days gesprochen wird. Ich habe meine wenigen bisherigen Gewissheiten verloren und warte nur noch darauf, was als nNächstes kommt. Das Gefühl gleicht dem zu Beginn der Pandemie, das ich damals lustigerweise im Thema der Woche 2020-W16 mit dem Titel COVID-19: Wir wissen, dass wir noch nicht viel wissen beschrieben habe.
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