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Geflüchtete aus der Ukraine: leichte Beute für Menschenhandel

Seit dem Beginn des Ukrainekrieges und der zunehmenden Fluchtbewegungen aus der Ukraine häufen sich Berichte über geflüchtete Frauen, die Opfer von Menschenhändlern wurden oder diesem Schicksal gerade noch entgehen konnten. Vermeintlich „hilfsbereite“ Männer fuhren mit ihren Privatautos an die polnische Grenze und gaben vor, Frauen, direkt nach Deutschland mitnehmen zu wollen, um Ihnenihnen eine Bleibe zu bieten. In Wahrheit war die Absicht dieser Männer, geflüchtete Frauen entweder selbst sexuell zu missbrauchen oder sie als Prostituierte auszubeuten. Es ist unklar, wie viele arglose Opfer in ein solches Auto eingestiegen sind. Auch über zwielichtige Angebote an ankommende Geflüchtete in deutschen Bahnhöfen wurde wiederholt berichtet. Männer haben beispielsweise versucht, Frauen mit unrealistisch guten Unterbringungsangeboten anzulocken und ohne Registrierung in einem Ankunftszentrum direkt zu ihrem Auto zu lotsen.

Wie können sich geflüchtete Frauen, die in Deutschland ankommen, schützen? Auf welche Warnsignale sollten auch freiwillige Helfer*innen an Bahnhöfen und in Ankunftszentren achten? Die Fachberatungsstelle JADWIGA in München bietet Sicherheitsinformationen für Frauen und Mädchen und der Bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel (KOK) Informationen zum Schutz vor Menschenhandel und Ausbeutung auf der Flucht. Beispielsweise sollten ankommende Frauen und Mädchen weder Pass noch Handy aus der Hand geben und, bevor sie in ein Auto steigen, das Kennzeichen fotografieren und an eine Vertrauensperson schicken. 

Viele fragen sich, wie Menschen diese Notlage so herzlos ausnutzen können. Dabei ist es doch immer schon so gewesen, dass bestimmte Männer, Zuhälter und andere Kriminelle, sofort zur Stelle sind, wenn Frauen in Not geraten. Sie nutzen die Gelegenheit, wenn Frauen arm und schutzlos sind, die Landessprache nicht sprechen, krank oder süchtig sind, Opfer von Kriegen wurden oder ihre Rechte nicht kennen. Die Antwort auf die Frage, warum so etwas in Deutschland passiert, ist ebenfalls einfach: Weil das Geschäft mit der Prostitution hierzulande legal ist und es eine riesige Nachfrage für käuflichen Sex gibt. Prostitution wird als „Sexarbeit“ bezeichnet, weil angenommen wird, dass es sich um eine berufliche Tätigkeit in legalen Bordellen handelt, die, wie jede andere Arbeit auch, mit Arbeitsrechten einhergeht. Der Begriff „Arbeit“ ist aber unpassend und für die Betroffenen verharmlosend. Bei den meisten Betroffenen basiert die Prostitution auf Gewalt, Missbrauch und Zwang.

Das Bündnis Nordisches Modell aus verschiedenen Initiativen, Fachberatungsstellen, Vereinen und engagierten Einzelpersonen setzt sich für eine Prostitutionspolitik ein, wie sie bereits in Schweden, Norwegen, Island, Kanada, Nordirland, Frankreich, Irland und Israel umgesetzt ist: das sogenannte Nordische Modell. Es basiert auf vier Grundprinzipien: Entkriminalisierung prostituierter Personen, Kriminalisierung von Freiern und Zuhältern (Verbot von Sexkauf, Zuhälterei und Bordellbetrieb), Ausstiegshilfen für Betroffene und aufklärende Öffentlichkeitsarbeit. In den Ländern, in denen das Nordische Modell eingeführt wurde, gingen u. a. Straßenprostitution, Menschenhandel und Gewaltverbrechen an Prostituierten signifikant zurück. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Interessierte im Dokument Prostitution – Aspekte und Erläuterungen.

Unser Artikel Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution bietet Informationen zur Erkennung und Versorgung von Opfern, nicht nur in der Hausarztpraxis, sondern auch in Anlaufstellen und Erstaufnahmeeinrichtungen. Unter Menschenhandel wird generell die Ausbeutung einer Person unter Ausnutzung ihrer Zwangslage verstanden. Es muss sich also nicht unbedingt um Zwangsprostitution handeln. Ausbeuterische Arbeitsverhältnisse fallen ebenfalls unter diese Definition. Ein erstes Zeichen für das Vorliegen von Menschenhandel kann sein, dass die Betroffenen von einer meist männlichen Person begleitet werden, die vorgibt, zu übersetzen, dann aber das Gespräch dominiert und eine sinnvolle Arzt-Patienten-Kommunikation blockiert und verhindert. Zusätzliche Hinweise sowie zahlreiche aktuelle Informationen und nützliche Links für die ärztliche Versorgung und Betreuung von Geflüchteten aus der Ukraine finden Sie im roten Kasten oberhalb unseres Artikel Geflüchtete als Patient*innen.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

 

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Geflüchtete aus der Ukraine: leichte Beute für Menschenhandel
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Seit dem Beginn des Ukrainekrieges und der zunehmenden Fluchtbewegungen aus der Ukraine häufen sich Berichte über geflüchtete Frauen, die Opfer von Menschenhändlern wurden oder diesem Schicksal gerade noch entgehen konnten. Vermeintlich „hilfsbereite“ Männer fuhren mit ihren Privatautos an die polnische Grenze und gaben vor, Frauen, direkt nach Deutschland mitnehmen zu wollen, um Ihnenihnen eine Bleibe zu bieten. In Wahrheit war die Absicht dieser Männer, geflüchtete Frauen entweder selbst sexuell zu missbrauchen oder sie als Prostituierte auszubeuten. Es ist unklar, wie viele arglose Opfer in ein solches Auto eingestiegen sind. Auch über zwielichtige Angebote an ankommende Geflüchtete in deutschen Bahnhöfen wurde wiederholt berichtet. Männer haben beispielsweise versucht, Frauen mit unrealistisch guten Unterbringungsangeboten anzulocken und ohne Registrierung in einem Ankunftszentrum direkt zu ihrem Auto zu lotsen.
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Geflüchtete aus der Ukraine: leichte Beute für Menschenhandel
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