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„Wir brauchen eine fürs Heim"

Als ich noch vor wenigen Jahren eine Stelle als angestellte Fachärztin für Allgemeinmedizin in einer Münchner Hausarztpraxis suchte, kam in wirklich jedem Bewerbungsgespräch heraus, dass die Praxisinhaber*innen in erster Linie jemanden suchten, der die Patient*innen in Pflegeeinrichtungen versorgte. Nur das Ausmaß des an die angestellte Ärztin abzugebenden Heimbesuchsaufkommens war unterschiedlich. In einer Praxis wollten mir die beiden männlichen Praxisinhaber die Versorgung von 20 Altenheimen aufs Auge drücken und gleichzeitig die Vollzeitvertretung für ihre insgesamt ebenfalls 20 Urlaubswochen. Ansonsten hatten sie nur Geld für eine 50-%-Stelle. Ich konnte gerade noch widerstehen.

Aber auch in anderen Praxen wurde in erster Linie eine Entlastung von der Betreuung von Pflegeeinrichtungen gesucht. Zum Teil sollte das meine Hauptaufgabe sein. Dass die Tätigkeit in der regulären Sprechstunde nicht das Ziel meiner Beschäftigung war, bewiesen die behelfsmäßigen Mini-Sprechzimmer, die mir angeboten wurden. An einer kollegialen Zusammenarbeit und vielleicht sogar einem gemeinsamen fachlichen Austausch mit einer angestellten Ärztin schien unter den Praxisinhaber*innen niemand interessiert zu sein. Ich weiß natürlich, dass es sehr viele engagierte Hausärzt*innen gibt, die ihre Patient*innen in Pflegeeinrichtungen selbst versorgen. Leider schienen die damals, zumindest in München, keine ärztlichen Mitarbeiter*innen zu suchen.

Warum manche Hausärzt*innen die Altenheimversorgung loswerden wollten, konnte ich während meiner Tätigkeit in verschiedenen Münchner Praxen, in denen ich natürlich für die Pflegeeinrichtungen zuständig war, gut nachvollziehen: Es war richtig anstrengend, mit einem Koffer oder Rucksack in die jeweiligen Einrichtungen zu radeln und schweißgebadet von einem Wohnbereich zum nächsten zu hetzen. Die Pflegekräfte waren in der Regel nett und sehr engagiert, aber hoffnungslos unterbesetzt und überlastet. Sie konnten sich auf meinen Arztbesuch gar nicht einstellen, geschweige denn darauf vorbereiten. Viele riefen mich an, als ich schon wieder weg war, weil ihnen doch noch eingefallen war, dass sie noch etwas brauchten, z. B. ein Rezept, oder weil eine Bewohnerin doch Fieber hatte. Kurz gesagt, das machte wirklich nicht viel Freude. Die einzige Motivation war für mich immer der Gedanke, dass die Bewohner*innen mich brauchten.

Welche Bedingungen in Pflegeeinrichtungen führen dazu, dass sogar viele Hausärzt*innen keine Lust mehr auf Heimbetreuung haben? Wenig überraschend: Schon vor der Corona-Pandemie gab es einen Pflegenotstand. Die Pflegekräfte sind seit Langem unterbesetzt und nicht nur mit bürokratischen Tätigkeiten überlastet. Bewohner*innen können nicht immer so gut versorgt werden, wie es alle möchten. In den Medien wird viel über den Pflegenotstand generell und über „Missstände" sowie „katastrophale" Zustände z. B. in Heimen in Bayern berichtet. Die alten Versäumnisse sind bekannt: Privatisierungen im Pflegebereich, Einsparungen bei Personalkosten, mangelnde Wertschätzung des Pflegeberufs und schlechte Vorausplanung unter unzureichender Berücksichtigung des demographischen Wandels. Hinzu kommt die Corona-Pandemie mit noch stärkerer Arbeitsbelastung und vielen Personalausfällen wegen Isolation und Quarantäne.

In der Altenpflege gibt es keinen bundesweiten Tarifvertrag. Es gibt aber regionale Regelungen. Das BMG hat festgelegt, dass Pflegeeinrichtungen sich bis Ende Februar auf eine Tarifregelung für ihre Angestellten festlegen müssen. Derzeit rangieren die Gehälter für Altenpflegefachkräfte je nach Bundesland zwischen 2736 Euro und 3446 Euro. Ob eine geregelte und bessere Bezahlung allein ausreicht, um die Tätigkeit in der Altenpflege ausreichen attraktiv zu machen? Wertschätzung für den Beruf, planbare Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben sowie behördliche Unterstützung in Ausnahmesituationen wie der Pandemie sollten selbstverständlich sein. Nur mit Pflegekräften, die nicht ständig an ihrer Belastungsgrenze arbeiten und die Zeit und Kraft für eine gute Versorgung von Bewohner*innen haben, kann die Zusammenarbeit mit Hausärzt*innen wirklich gut funktionieren. Deximed unterstützt Sie hierbei mit zahlreichen Artikeln, z. B. Infektionen in Pflegeeinrichtungen, Palliativversorgung in Pflegeeinrichtungen, Haut- und Wundinfektionen in Pflegeeinrichtungen, Harnwegsinfektionen in Pflegeeinrichtungen, Funktionsbewertung bei Patient*innen in Pflegeeinrichtungen und vielen weiteren.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

 

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