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Digitalisierung: ja, nein, oder wie?

Es wäre Gesundheitsminister Lauterbach zu wünschen, dass seine Beamt*innen die „nach Corona“ anstehenden Aufgaben vernünftig priorisieren. Insbesondere das Thema „Digitalisierung im Gesundheitswesen“ wurde vom Vorgänger, der in diesen Fragen eher wirtschaftsliberale als konservative Positionen vertrat (aber die FDP hat ja nun im Verkehrsministerium ihre eigene Digitalisierungs-Spielwiese) allzu blauäugig und fortschrittsbesoffen vorangetrieben. Leidtragende waren einmal mehr die Hausärzt*innen, die trotz aller betonten Systemrelevanz zu immer mehr zu IT-Bastelstunden und Dokumentationsorgien gezwungen wurden.

Was bringt die Digitalisierung? Wir sind uns wohl einig, dass die Fax-Übermittlung von Corona-Laborergebnissen suboptimal und dem Ansehen Deutschlands als technisierte Nation nicht gerade zuträglich war. Aber gleich danach hört die Einigkeit wieder auf. Um das Thema systematisch anzugehen: Stand heute besteht die digitale Kompetenz deutscher Hausärzt*innen im Wesentlichen aus der Bedienung schon optisch als veraltet erkennbarer Praxisverwaltungssoftware zum Zwecke der Erfüllung kafkaesker Abrechnungsvorschriften; sowie, wenn denn ein Internetzugang nutzbar ist, aus der bekannten Suchmaschine, deren Raison d'être darin besteht, den Quotienten aus Werbung (alles, was gratis im Internet steht, ist auf irgendeine Weise Werbung) und schlussendlich gefundener nützlicher Information möglichst hoch zu halten. Letzteres gilt auch für die Patient*innen, mit der Modifikation, dass neuerdings weniger für konkrete Therapien geworben wird (jenseits von Kijimea Reizdarm rechtlich problematisch) als für „Awareness“ für Krankheiten, deren lukrative Behandlungen zufällig gleichzeitig die Marketingschwerpunkte bei den Ärzt*innen bilden. Dazu kommt die bei Gesunden um sich greifende hypochondrische Gesundheitsdaten-Erhebung, sowie vereinzelt krankheitsspezifische Software, die Hausärzt*innen dank Herrn Spahn sogar verordnen dürfen, auch wenn sie oft wenig davon verstehen – oder halten.

Dann gibt es eine Reihe von Digitalisierungs-Ideen für die Hausarztpraxis, deren Nutzen dem naiven Blick erst einmal einleuchtet: automatisierte Terminvergabe, digitale Untersuchungsaufträge und Befundübermittlung, online abrufbare Rezepte, Medikationspläne und Notfalldaten, Vorab-Anamese per Fragebogen oder Videosprechstunden im Rahmen des medizinisch Sinnvollen. Leider bewährt sich bisher die eherne Regel, dass nichts so sinnvoll sein kann, dass es nicht durch bürokratische Rahmensetzungen, Einführung ohne Mitsprache der Betroffenen, Datenschutz-Verrenkungen und ungeschickte Softwareprogrammierung nutzlos gemacht werden könnte. Ein schönes Beispiel ist derzeit die e-AU, eine theoretisch absolut einleuchtende Maßnahme, die praktisch vielleicht den Kassen, aber noch nicht einmal den Arbeitgebern einen Vorteil bringt, deren Ausstellung aber doppelt so viel Zeit kostet wie der gelbe Schein.

Und schließlich dräuen noch die Computer-als-Arzt-Phantasien der Technikfreaks und Kostensenkungspolitiker, die nicht nur aus ethischen, sondern schon aus mathematischen Gründen zum Scheitern verurteilt sind: In unserer Medizin der hohen Prävalenzen wird auch die klügste KI auf die Frage „Ist das harmlos, oder kann es Krebs sein?“ nur „beides möglich“ auswerfen, allerdings wesentlich schlechter als Sie mit den Folgerungen für die Patient*innen umgehen. Überhaupt befördert die Konzentration auf Dr.-House-mäßige Aha-Diagnosen nur eine Schieflage, die unserem Gesundheitswesen ohnehin schadet: Am besten versorgt sind die eigentlich Gesunden, die einmal eine spezielle Erkrankung haben (die landen auch oft bei Fachärzt*innen); weit schlechter die Besorgten, die Ihre Praxis füllen und eigentlich nichts haben; am schlechtesten die chronisch Kranken und Multimorbiden, die längst wissen, was sie haben, aber kontinuierliche Begleitung brauchen.

Digitalisierung ist nicht Selbstzweck; sie muss richtig organisiert werden. Natürlich schmeicheln wir bei Deximed uns, hier einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Dabei haben wir nur die beste analog bewährte Quelle ärztlichen Wissens, das medizinische Handbuch, ins Digitale übersetzt und so unbegrenzt verbesserbar gemacht. Aber das ist nur ein Baustein, und ich würde mir wünschen, dass wir uns behutsam vernetzen mit anderen Möglichkeiten, die auch darauf aus sind, Ihnen als Hausärzt*innen die Arbeit schneller zu machen und Ihre Entscheidungen sicherer. Für einen solchen vorsichtigen Umbau hin zu einem Gesundheitswesen, wo Ärzt*innen mehr Zeit und bessere Informationen für ihre Kernkompetenzen haben: Diagnostik, Therapie, Betreuung und Begleitung, muss die Politik die Rahmenbedingungen setzen. Und alles andere: Werbung, bürokratische oder technische Zeitfresser, KI-Spielwiesen, sollte zumindest nicht öffentlich gefördert werden. Herr Lauterbach, übernehmen Sie!

 Klaus Reinhardt, Geschäftführer

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