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2021-W43Ernährungspolitik vergeigt

Ernährungspolitik vergeigt

Im Thema der Woche 2019-W29 Prävention ungesunder Ernährung: Wir brauchen Regeln habe ich bereits auf einige Missstände in der deutschen Ernährungspolitik hingewiesen. Jetzt liegen dazu neue wissenschaftliche Ergebnisse vor. Ein Forschungsprojekt der LMU München stellt der deutschen Ernährungspolitik im internationalen Vergleich ein Armutszeugnis aus. Im Food Environment Policy Index (Food-EPI) 2021 wurden lebensmittelpolitische Maßnahmen mit internationalen Best-Practice-Beispielen verglichen.

Besonders schlecht fiel die Bewertung der deutschen Ernährungspolitik in den Bereichen Regulierung von Lebensmittelwerbung, Lebensmittelpreisgestaltung und Lebensmittelangebot in Einzelhandel und Gastronomie aus. Ebenfalls nicht gut bewertet wurden unter anderem die Bereiche Nährwertzusammensetzung von Lebensmitteln, Lebensmittelangebote in öffentlichen Einrichtungen und Betrieben und Lebensmittelkennzeichnung. Das schlechte Abschneiden deutscher Ernährungspolitik ist so umfassend, dass sich die Frage lohnt, in welchen Bereichen Deutschland gut abschneidet. Eine mittlere Bewertung erreicht Deutschland nur in den Bereichen Monitoring/Surveillance und politische Führungsrolle/offizielle Ernährungsempfehlungen. Wir Deutschen sind also im Bereich Ernährung statistisch mittelmäßig erfasst und von offizieller Seite beraten, aber ansonsten geschieht wenig.

Die Autor*innen des Food-EPI 2021 nennen 5 Reformmaßnahmen mit großem Potenzial: Qualitativ hochwertige, kostenlose Verpflegung in Kitas und Schulen, Senkung der Mehrwertsteuer auf gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse, Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Softdrinks, Regulierung von an Kinder gerichtetem Lebensmittelmarketing und gesundes Essen in öffentlichen Einrichtungen.
Laut der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) gehen jährlich 15 % aller Todesfälle und 17 Milliarden Euro Gesundheitskosten auf unausgewogene Ernährungsmuster zurück. In Deutschland leiden 63 % der Bevölkerung an Übergewicht und 22 % an Adipositas. Fast 10 % der Deutschen leiden an Typ-2-Diabetes. In Deutschland haben Erwachsene mit Typ-2-Diabetes im Vergleich zu Menschen, die nicht an Diabetes leiden, ein fast doppelt so hohes geschlechts- und altersstandardisiertes Sterblichkeitsrisiko. Eine besonders gesundheitsschädigende Auswirkung haben zuckerhaltige Getränke. Ausgewogene Ernährung ist nicht nur essenziell für die individuelle Gesundheit, sondern auch für eine nachhaltige klimafreundliche Nahrungsmittelproduktion.

Bisher wurde in Sachen Lebensmittelkennzeichnung und Lebensmittelwerbung für Kinder auf Freiwilligkeit der Lebensmittel- und Marketingindustrie gesetzt. Wie zu erwarten, sind Hersteller ungesunder Lebensmittel nicht besonders eifrig, wenn es darum geht, die eigenen Produkte als ungesund zu kennzeichnen. So bleibt auch der freiwillige Nutriscore ohne jeden Effekt, der entgegen allen Empfehlungen von Ärzt*innen, Krankenkassen und Verbraucherverbänden anstatt einer verpflichtenden Lebensmittel-Ampel eingeführt wurde. Aus den Ergebnissen von Food-Epi 2021 ist ersichtlich, dass Deutschland besonders zögerlich bei der Umsetzung von Maßnahmen ist, die Interessen der Lebensmittelindustrie tangieren. Besonders die Bundeslandwirtschafts- und Ernährungsministerin Julia Klöckner steht hierfür in der Kritik, nicht nur von Seiten von Foodwatch. Man kann der Lebensmittelindustrie in Deutschland somit vor allem eines bescheinigen: erfolgreiche Lobbyarbeit.

Es besteht Hoffnung, dass sich mit dem Regierungswechsel etwas an der bestehenden Lebensmittelpolitik ändert. Zumindest Grüne und SPD sprechen sich in ihren Wahlprogrammen gegen ein an Kinder gerichtetes Marketing für ungesunde bzw. nicht den WHO-Kriterien entsprechende Nahrungsmittel aus.

 

Marlies Karsch, Chefredakteurin

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Im Thema der Woche 2019-W29 Prävention ungesunder Ernährung: Wir brauchen Regeln habe ich bereits auf einige Missstände in der deutschen Ernährungspolitik hingewiesen. Jetzt liegen dazu neue wissenschaftliche Ergebnisse vor. Ein Forschungsprojekt der LMU München stellt der deutschen Ernährungspolitik im internationalen Vergleich ein Armutszeugnis aus. Im Food Environment Policy Index (Food-EPI) 2021 wurden lebensmittelpolitische Maßnahmen mit internationalen Best-Practice-Beispielen verglichen.
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