Definition:Der Begriff Radiusköpfchen-Subluxation bezeichnet eine Teilausrenkung des Speichenköpfchens.
Häufigkeit:Tritt fast ausschließlich bei Kleinkindern auf. Die jährliche Inzidenz beträgt etwa 1 % bei Kindern unter 5 Jahren.
Symptome:Nach einem Ruck am Arm treten beim Kind Schmerzen bei Bewegungen auf, und es will den Arm nicht mehr benutzen.
Befunde:Der klinische Befund ist ein leicht pronierter und flektierter Ellenbogen. Der Bereich des Speichenköpfchens ist bei Palpation schmerzempfindlich. Durch Bewegung im Ellenbogen und vor allem beim Versuch einer Supination entstehen Schmerzen.
Diagnostik:Keine weiteren diagnostischen Untersuchungen erforderlich.
Therapie:Reponieren des Radiusköpfchens.
Allgemeine Informationen
Definition
Der Begriff Radiusköpfchen-Subluxation bezeichnet eine Teilausrenkung des Speichenköpfchens aus dem Ligamentum anulare.
Es gibt viele alternative Bezeichnungen:
Kindermädchen-Ellenbogen, Sonntagsarm, Chassaignac-Lähmung oder Pronatio dolorosa.
Häufigkeit
Tritt fast ausschließlich bei Kleinkindern auf.
Die jährliche Inzidenz beträgt etwa 1 % bei Kindern unter 5 Jahren; am häufigsten sind diese rund 2 Jahre alt.
Die Subluxation tritt häufiger im linken als im rechten Arm auf (3:2)1, und wird bei mehr Mädchen als Jungen beobachtet (3:2).2
Ätiologie und Pathogenese
Entsteht bei einer Dehnung des gestreckten und pronierten Arms, z. B. wenn das Kind an den Armen hochgehoben wird, oder wenn es versucht, sich loszureißen.
Radiusköpfchen-Subluxation
Dabei wird das Speichenköpfchen teilweise aus dem Ringband (Ligamentum annulare) ausgerenkt.
Einige Fasern des Ligamentum annulare können sich zwischen das Speichenköpfchen und den Gelenkspalt des Oberarmknochenköpfchens (Capitulum humeri) schieben und damit die Relokation verhindern.
Ab einem Alter von etwa 5 Jahren ist das Ringband so kräftig und stabil, dass das Risiko einer Radiusköpfchen-Subluxation minimal ist.
ICPC-2
L80 Luxation/Subluxation Gelenk
ICD-10
S53 Luxation, Verstauchung und Zerrung des Ellenbogengelenkes und von Bändern des Ellenbogens
T14 Verletzung an einer nicht näher bezeichneten Körperregion
T14.3 Luxation, Verstauchung und Zerrung an einer nicht näher bezeichneten Körperregion
Diagnostik
Diagnostische Kriterien
Ziehen in Richtung der Längsachse des Armes verursacht akute Schmerzen und einen Beweglichkeitsverlust des Ellenbogens.
Das Kind hält den Arm passiv.
Der Bereich über dem Speichenköpfchen ist schmerzempfindlich.
Nach einem Ruck am Arm treten beim Kind Schmerzen bei Bewegungen auf, und es will den Arm nicht mehr benutzen.
Beim typischen Unfallmechanismus wird das an der Hand geführte Kind, das stolpert, am Arm hochgerissen.
Oft lässt es den Arm mit leichter Ellenbogenflexion und leicht proniert nach unten hängen (Pseudoparalyse).
Solange das Kind den Arm ruhig hält, hat es in der Regel wenige Beschwerden oder Schmerzen.
Klinische Untersuchung
Der Ellenbogen wird leicht proniert und flektiert gehalten (Schonhaltung).
Der Bereich des Speichenköpfchens ist bei Palpation schmerzempfindlich.
Durch Bewegung im Ellenbogen und vor allem beim Versuch einer Supination entstehen Schmerzen.
Die Ellbogenflexion und -extension ist häufig schmerzfrei.
Meistens ist keine Schwellung des Ellenbogens zu sehen.
Ergänzende Untersuchungen
Eine Radiusköpfchensubluxation lässt sich in Zweifelsfällen mittelsmit einem Ultraschall gut darstellen.
Aufleuchten des Ringbandes im radiohumoralen Gelenk (Seitenvergleich)
Röntgen zeigt in der Regel nicht die Pathologie bei der Radiusköpfchen-Subluxation (da keine Achsveränderung und keine knöcherne Verletzung) und ist daher bei typischer Anamnese nicht erforderlich.
nur in Zweifelsfällen
bei nicht erfolgreicher Reposition
Es dient jedoch zum Frakturausschluss3, insbesondere einer Epiphysenfugenfraktur des Caput radii.
Indikationen zur Überweisung
Bei Verdacht auf Fraktur
Nach erfolglosen Repositionsversuchen
Therapie
Therapieziel
Reposition
Allgemeines zur Therapie
Bei typischer Verletzungsanamnese und typischem klinischen Befund kann eine Reposition auch ohne Röntgenbild versucht werden.
Nur wenn das Kind anschließend den Arm nicht wieder spontan und mühelos benutzt, muss weitere Diagnostik erfolgen.
Reposition
Die Reposition kann entweder durch (1) eine Hyperpronation oder (2) eine Supinationflexion erfolgen. Eine prospektive Studie zeigt die höchste Erfolgsquote für eine Reposition im ersten Versuch bei der Hyperpronation (94 % gegenüber 80 %).
Hyperpronation
Halten bzw. stützen Sie den Ellenbogen des Kindes in der einen Hand.
Fassen Sie mit der anderen Hand um den distalen Unterarm, drücken Sie ihn etwas zusammen und rotieren Sie bis zur maximalen Pronation. Der Handrücken des Kindes zeigt dabei nach oben/vorne.
Dann unter Beibehaltung der Pronation im Ellbogengelenk maximal beugen.
Supinationflexion
Halten bzw. stützen Sie den Ellenbogen des Kindes in einer Hand. Sie können auch zusätzlich leicht mit dem Daumen auf das Speichenköpfchen drücken.
Fassen Sie mit der anderen Hand um den distalen Unterarm, beugen Sie den Ellenbogen und supinieren Sie den Unterarm. Die Handfläche des Kindes zeigt dabei nach oben/vorne.
Ist eine Methode nicht erfolgreich, kann die zweite versucht werden.
Die Reposition kann ohne Prämedikation durchgeführt werden.
Zwar kann der Vorgang etwas schmerzhaft sein, jedoch ist er innerhalb von Sekunden erledigt.
Bei der erfolgreichen Reposition hört oder spürt man oft ein leichtes Knacken.
Das Auftreten dieses Knackens hat in Hinblick auf eine erfolgreiche Reposition einen positiven prädiktiven Wert von etwa 90 % (gleichzeitig Bestätigung der Diagnose). Bleibt es hingegen aus, hat das einen negativen prädiktiven Wert von 70–80 %.
Nach der erfolgreichen Reposition beginnt das Kind spontan, seinen Arm wieder zu benutzen, in der Regel innerhalb von 15 Minutenmin.
Prävention
Aufklärung der Eltern über den Unfallmechanismus
Babys und Kleinkinder sollten nicht an den Armen aus dem Bett oder hochgehoben werden.
Eltern sollten nach einem solchen Vorfall vermeiden, das Kind in Richtung der Längsachse am Arm zu ziehen.
Verlauf, Komplikationen und Prognose
Verlauf
Eine Nachbehandlung ist normalerweise nicht nötig.
Keine Ruhigstellung nach erfolgreicher Reposition
Komplikationen
Komplikationen treten nur sehr selten auf.
Kinder, die einmal von einer Subluxation betroffen waren, sind anfälliger für einen neuen Vorfall.
Bei 20–30 % kommt es zu erneuten Vorfällen, jedoch nicht unbedingt immer im selben Arm.4
Bleibende Bewegungseinschränkungen
Verkalkungen der Gelenkkapsel
Prognose
Die Prognose ist sehr gut, auch unbehandelt, da die Subluxation sich oftmals spontan nach 1–2 Tagen reponiert.
Unfallmechanismus: Häufig entsteht eine Radiusköpfchen-Subluxation durch plötzlichen Zug am gestreckten Arm (um das Fallen des Kindes beim Stolpern zu vermeiden).
Supinationsmanöver zur Reposition des Radiusköpfchens: 1. Supination im Ellbogengelenk 2. unter Beibehalten der Supination maximale Flexion des Ellbogengelenks
Ellenbogengelenk
Ellenbogen, normal, Röntgen
Quellen
Leitlinien
Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie (GPR). Bewegungseinschränkung bei Kindern – Bildgebende Diagnostik. AWMF-Leitlinie Nr. 064-008. S1, Stand 2020. www.awmf.org
Literatur
Welch R, Chounthirath T, Smith GA. Radial Head Subluxation Among Young Children in the United States Associated With Consumer Products and Recreational Activities. Clin Pediatr (Phila) 2017; 56(8): 707. pmid:28589762 PubMed
Vitello S, Dvorkin R, Sattler S, Levy D, Ung L. Epidemiology of nursemaid's elbow. West J Emerg Med 2014; 15(4): 554. pmid:25035767 PubMed
Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie (GPR). Bewegungseinschränkung bei Kindern - Bildgebende Diagnostik. AWMF-Leitlinie Nr. 064 - 008, Stand 2020. www.awmf.org
Teach SJ, Schutzman SA. Prospective study of recurrent radial head subluxation. Arch Pediatr Adolesc Med 1996; 150: 164-6. PubMed
AutorenAutor*innen
Sandra Krüger, Dr. med. Fachärztin für Orthopädie, Berlin
Arild Aamodt, overlege/professor, Ortopedisk avdeling, Lovisenberg Sykehus, Oslo.
S53; T14; T143
albuedislokasjon; subluksasjon av caput radii, pulled elbow; Pulled elbow
L80
Radiusköpfchensubluxation; Teilausrenkung des Speichenköpfchens; Kindermädchen-Ellenbogen; Nursemaid's elbow; Sonntagsarm; Chassaignac-Lähmung; Chassaignac-Luxation; Pronatio dolorosa; Pronation douloureuse; Reposition des Radiusköpfchens; Reponieren des Radiusköpfchens
Subluxation des Radiusköpfchens
CCC MK 28.07.2021 neue LL Bildgebung.
Bild eingefügt, UB 2.7.18
Revision at 07.01.2014 12:54:10:
Revidert på bakgrunn av ny studie og Cochrane rapport (IL)
Revision at 01.08.2013 10:00:20:
Revidert i henhold til Medibas. Ingen endringer.m chck go 2.5.16
CCC MK 25.05.2018, komplett überarbeitet
Definition:Der Begriff Radiusköpfchen-Subluxation bezeichnet eine Teilausrenkung des Speichenköpfchens. Häufigkeit:Tritt fast ausschließlich bei Kleinkindern auf. Die jährliche Inzidenz beträgt etwa 1 % bei Kindern unter 5 Jahren.