Männlichkeit – toxisch für Männer?

Männer suchen eher ungern Arztpraxen auf, gleichzeitig bestehen bei ihnen im Vergleich zu Frauen besondere Gesundheitsrisiken. Umfrageergebnisse zeigen, dass sie seltener zu Vorsorgeuntersuchungen gehen und insgesamt weniger über Vorsorgeangebote Bescheid wissen als Frauen. Außerdem sind sie schlechter darüber informiert, was einen gesunden Lebensstil ausmacht. Hier könnten wir mit den Schultern zucken und sagen: Na und? Wer kann beweisen, dass Vorsorge etwas bringt? Vielleicht sind Männer robuster?

Die Statistik spricht eine andere Sprache: Nach wie vor haben Männer in Deutschland eine geringere durchschnittliche Lebenserwartung als Frauen, 78,6 Jahre im Vergleich zu 83,4 Jahren. Woran liegt das? Alle reden davon, dass Männer in der medizinischen Versorgung stärkere Berücksichtigung finden als Frauen und dass medizinische und pharmazeutische Forschung männlich sei. Das scheint den Männern am Ende nicht viel zu nutzen. Ursache für Unterschiede in Gesundheit und Lebenserwartung sind offenbar eher „typisch“ männliche Verhaltensweisen. Und der Lebensstil spielt eine größere Rolle als die medizinische Versorgung, wenn Männer erst einmal Hilfe suchen.

Männer leben ungesünder als Frauen. Es gibt hierzulande mehr Raucher als Raucherinnen (27 % vs. 21 %). Männer haben deutlich häufiger ein Problem mit Alkohol. Ihr Anteil an den Personen mit Alkoholabhängigkeit ist höher (4,8 % vs. 1,9 %), und bei den alkoholbedingten Todesfällen liegt der Anteil der Männer bei 75 %. Männer ernähren sich ungesünder als Frauen. Unter den Männern sind 63 % übergewichtig, bei den Frauen beträgt der Anteil dagegen 47 %. Männer verzehren doppelt so viel Fleisch und deutlich weniger pflanzliche Lebensmittel als Frauen.

Gesundheitliches Risikoverhalten ist bei Männern deutlich ausgeprägter, ebenso wie das Risikoverhalten im Allgemeinen. Statistisch gesehen verhalten sich Männer insgesamt aggressiver gegen sich selbst und ihre Umgebung als Frauen. Bei Drogenabhängigen und Drogendelikten liegt der Männeranteil in Deutschland bei 80 %. Generell konsumieren deutlich mehr Männer illegale Drogen als Frauen. Männer verunglücken dreimal häufiger tödlich bei Verkehrsunfällen. Sie sind doppelt so häufig wie Frauen Hauptverursacher von Verkehrsunfällen und verursachen dreimal häufiger Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluss. Täter und Opfer schwerwiegender Gewaltverbrechen sind laut Polizeistatistiken überwiegend männlich. Männer verüben 2,5-mal häufiger Suizid als Frauen, die allerdings 3-mal häufiger einen Suizidversuch unternehmen.

Eine Depression wird doppelt so häufig bei Frauen diagnostiziert. Das wird von zahlreichen Autor*innen als Zeichen dafür angesehen, dass es Männern schwerer fällt, Schwäche zu zeigen und sich Hilfe zu suchen. In unserem Artikel Sucht und psychische Komorbidität werden Zusammenhänge zwischen Sucht- und psychischen Erkrankungen erklärt. Das oben geschilderte Sucht- und Risikoverhalten bei Männern kann daraus resultieren, dass Männer versuchen, mit emotionalen und psychischen Problemen ohne professionelle Hilfe klarzukommen. Sie äußern ihre innere Anspannung in Form von (auto-)aggressivem Verhalten und versuchen in der Not die „Selbstmedikation“ mit Alkohol und Drogen. In unserer Gesellschaft findet ein betrunkener Mann leider immer noch mehr Akzeptanz als einer, der weint und seine Gefühle zeigt.

Patriarchale Rollenbilder und Geschlechtsstereotype schaden auch Männern. Viele stehen unter zu viel Druck, stark, kompetitiv und kämpferisch zu sein. Es gilt nach wie vor als „unmännlich“, Gefühle und Schwäche zu zeigen und über psychische Probleme zu sprechen. Viele Männer sind letztendlich mit diesen Problemen allein gelassen. Es ist unsere Aufgabe als Ärzt*innen, Männer auch als vulnerable Gruppe auf dem Schirm zu haben, öfter genauer nachzufragen und Gesprächsangebote zu machen. Natürlich müssen sich Jungen und Männer selbst auf lange Sicht von veralteten Rollenbildern und Erwartungen befreien. Aber wir als Gesellschaft können sie dabei unterstützen. Das fängt schon bei der Erziehung an: Jungen sollten lernen, Emotionen zu akzeptieren und damit umzugehen. Wir sollten ihnen beibringen, dass es nicht wichtig ist, immer der Stärkste, Beste und Schnellste zu sein, und dass als „weiblich“ abgewertetes Verhalten an sich nichts Schlechtes ist. Hier gibt es noch viel zu tun.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

 

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