Klimawandel erfordert differenzialdiagnostisches Umdenken

Dass der Klimawandel durch generellen Temperaturanstieg, Hitzewellen und Extremwetterlagen die Gesundheit der Menschen weltweit und auch in Deutschland bereits stark beeinflusst, ist offensichtlich. Dabei wirken sich verschiedene Faktoren aus, die mit dem Klimawandel einhergehen: Hitze, Vermehrung von krankheitsübertragenden Vektoren, verlängerte Pollenflugzeiten, verstärkte UV- Belastung, veränderte Wasser- und Nahrungsmittelsicherheit und Naturkatastrophen. Wir haben deshalb einen neuen Artikel Erkrankungen als Folge des Klimawandels mit der zugehörigen Patienteninformation Gesundheitliche Auswirkungen des Klimawandels veröffentlicht.

Dabei ist der spannendste Aspekt nicht, dass sich die Asiatische Tigermücke zunehmend in Europa vermehrt und auch in unseren Breiten mit Dengue-Fieber, West-Nil-Fieber, Chikungunyavirus-Krankheit oder einer Zikavirus-Infektion zu rechnen ist. Viel interessanter ist, wie sich das Auftreten und die Saisonalität häufiger Erkrankungen und Gesundheitsstörungen bereits verändert hat und weiter verändern wird. Dadurch ergeben sich neue differenzialdiagnostische und klinische Aspekte für die Hausarztpraxis.

Durch die längeren und wärmeren Sommer und die milden Temperaturen in Herbst und Winter haben sich die Pollenflugzeiten deutlich verlängert. Pollenallergiker*innen und damit auch betroffene Kinder sind deutlich stärker und länger belastet. Zusätzlich steigt auch die Rate an allergischen Erkrankungen wie allergische Rhinitis und Asthma an. Gräser-, Ambrosia- und Beifuß-Pollen treten bis in den späten Herbst hinein auf. Und Hasel- und Erlenpollen fliegen bereits im Dezember. So ist auch im Winterhalbjahr beim Bild einer Rhinosinusitis oder einer Verschlechterung der Asthma-Kontrolle vermehrt an eine allergische Genese durch Pollen zu denken.

Die heimische Zeckenart Ixodes ricinus kann FSME und Borreliose übertragen. Sie tritt als Folge des Klimawandels mit milderen Temperaturen nicht nur in den Sommermonaten deutlich häufiger auf, sondern ist bei Temperaturen über 5 °C auch winteraktiv. Das Risiko für Zeckenbisse ist schon ab Februar erhöht, vereinzelte Bisse mit Infektionen können auch im Winter auftreten. So ist also eine Hautrötung, die im Winterhalbjahr auftritt und wie ein Erythema migrans aussieht, möglicherweise tatsächlich eines. Auch die Häufigkeit und Ausbreitung von FSME hat in den letzten Jahren stark zugenommen. FSME kann nicht mehr nur im Frühsommer, sondern ebenfalls auch im Winter auftreten.

Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) weist darauf hin, dass während Hitzewellen das Risiko für Schwangere erhöht ist und sogar Frühgeburtsraten signifikant ansteigen. Zusätzlich besteht ein erhöhtes Risiko für ein niedriges Geburtsgewicht und Totgeburt. Deswegen ist nicht nur bei älteren Personen mit Vorerkrankungen und Eltern von kleinen Kindern, sondern auch bei Schwangeren in Hitzeperioden dringend auf eine gute Beratung bezüglich Hitzeschutzempfehlungen zu achten: Körper kühlen, Räume kühl halten, ausreichend trinken und leichte Kleidung.

Während Hitzewellen können neben Herz-Kreislauf-System und Nierenfunktion auch psychische und kognitive Funktionen beeinträchtigt werden. Bei hohen Temperaturen kommt es zu einer erhöhten Ausschüttung von Stresshormonen. Dies kann zu erhöhter Aggressivität und Gewaltbereitschaft führen. Während Hitzewellen wird eine Zunahme von häuslicher Gewalt berichtet. Außerdem führt Hitze zu einer Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit. Sie hat einen negativen Einfluss auf die Konzentrationsfähigkeit, was eine erhöhte Fehler- und Unfallrate im Arbeitsleben verursacht.

Der Klimawandel verlängert also nicht nur die Sommersaison für Freizeitaktivitäten und Urlaub in Deutschland. Er erhöht das Risiko für Hitzefolgen, die noch nicht allen bewusst sind, und verschiebt auch die Saisonalität bestimmter Krankheitsbilder oder hebt sie ganz auf. Wie sich das auf andere saisonal auftretende Krankheitsbilder wie Erkältung und Influenza auswirkt, ist noch nicht absehbar.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

 

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