COVID-19: Unser Geschwätz von gestern

Für meine Kolumne ist COVID-19 ein extrem undankbares Thema. Die Dinge ändern sich so schnell, dass ein Editorial, das ich am Donnerstag geschrieben habe, am Montag schon völlig überholt sein kann. Es passiert manchmal, dass ein Standpunkt, den ich in einem Artikel mit Überzeugung vertreten habe, nach einigen Monaten völlig unhaltbar ist. Beispielsweise habe ich mich im Thema der Woche 20/2021: COVID-19-Impfung für Kinder und Jugendliche? gegen eine Impfung von Kindern und Jugendlichen ausgesprochen und ein paar Argumente vorgebracht, die ich immer noch vertreten kann, z. B. dass Kinder davon selbst keinen großen individuellen Nutzen haben. Die Aussagen, dass die Impfbereitschaft der Erwachsenen ohnehin hoch genug ist und man noch nicht genug über die Impfung von Kindern mit Comirnaty weiß, sind inzwischen längst veraltet. Ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen ist mittlerweile geimpft und sogar geboostert, weil ohne Impfung soziale Teilhabe und ein geregelter Schulbesuch einfach nicht möglich wären.

Im Thema der Woche 13/2021: Sind Schnelltests die Lösung? stellte ich Überlegungen an, ob und wie Schnelltests wohl regelmäßige Schulbesuche sowie Eintritt in Kinos, Theater und Konzerte ermöglichen könnten. Inzwischen wissen wir das alle, und 3G-, 2G- und 2G-Plus-Regeln gehören zum Alltag. Im Thema der Woche 06/2021: Privilegien für Geimpfte? schrieb ich sogar: „Impfpass- oder Immunitätskontrollen an jeder Ladentür, am Flugplatz und in jedem Restaurant sind keine wünschenswerte Zukunftsvision. Aufklärung, Information und gemeinschaftliches solidarisches Verhalten dagegen schon.“ Oje. Aber mein früheres Ich konnte ja wirklich nicht vorhersehen, wie sich die Dinge entwickeln.

Wenn es mir mit meiner kleinen Kolumne schon so geht, wie ist das dann für die Verantwortlichen im Gesundheitswesen? Wie viele Aussagen, Ankündigungen und Versprechungen mussten sie revidieren? Zunächst galt die Empfehlung, keine Masken zu tragen, weil die nicht vor Infektionen schützen würden, sondern eine „falsche Sicherheit“ vermitteln würden. Als diese Ansicht revidiert wurde, aber im reichen Deutschland zu wenige Masken verfügbar waren, liefen wir alle mit feuchten Stoffmasken herum. Beim ersten Lockdown 2020 haben viele Politiker*innen, Epidemiolog*innen und Virolog*innen auf ein Ende der Pandemie im September vertraut. Als die Impfkampagne Anfang 2021 startete, war nicht nur Jens Spahn überzeugt, dass die Pandemie bald Geschichte sein würde.

Ständig neue Erkenntnisse und neue Virusvarianten führen zu schnell wechselnden Empfehlungen des RKI bezüglich Quarantäne-Vorschriften, Kontaktpersonennachverfolgung und Reiseregeln. Impfempfehlungen ändern sich in kurzen Abständen zum Teil grundlegend und Infektionsschutzmaßnahmen im öffentlichen und kulturellen Leben ebenfalls. Das ermüdet ungemein und macht es fast unmöglich, den Überblick zu behalten. Hinzu kommen eigene Regelungen der Bundesländer: Inzwischen wird beispielsweise an bayerischen Schulen zwar weiterhin getestet. Die Kontaktpersonennachverfolgung ist aber aufgehoben, und Klassen müssen nur noch in Quarantäne, wenn ca. 50 % der Schüler*innen einen positiven Test haben. Die Omikron-Welle durchseucht Deutschland. Gesundheitsämter kommen nicht einmal mehr ansatzweise hinterher. Und es fragt sich, ob das überhaupt noch nötig ist, da Omikron zu eher milden Verläufen führt. Die Hoffnung, dass sich durch eine Omikron-Durchseuchung die Pandemie zu einer Endemie wandeln wird, könnte aber aufgrund der wohl schwachen Immunantwort auf Omikron zerschlagen werden.

Im Verlauf der Pandemie konnten wir schon viele Kehrtwendungen von Politiker*innen erleben. Bekanntestes und aktuellstes Beispiel ist das Hin und Her um die Impfpflicht. Zunächst galt sie für die politisch Verantwortlichen als absolutes No-Go. Inzwischen wurde die Impfpflicht für Pflegekräfte in der Ministerpräsident*innen-Konferenz einstimmig und im Bundestag mit großer Mehrheit beschlossen. Nun stellt sich die Frage: Hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder seine Meinung zur Impflicht für Pflegepersonal auf der Basis einer veränderten Datenlage revidiert oder verfolgt er eigene Ziele? Am 28.11.2021 hat er jedenfalls in der Tagesschau gesagt: „Aber die einzige Chance, um aus dieser Endlosschleife herauszukommen, ist eine Impfpflicht.“ Das ist wohl, wie bei uns allen, Geschwätz von gestern.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

 

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